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Einführungskurs

Freitag 15. Februar 2019
   19:30 Uhr - 21:30 Uhr
Samstag 16. Februar 2019
   9:00 Uhr - 17:00 Uhr
Haus im Weinberg

Anmeldung: 07553-6141
(Klaus Eichin)

Handauflegen – ein Übungsweg

„Heilt die Kranken........"    ( Lukas 10, 9 )

„Auf Kranke werden sie die Hände legen und es wird besser mit ihnen werden"   (Markus 16,18)

Das Handauflegen ist eine Gabe des Heilens, die in jedem Menschen angelegt ist. Es geht darum, sich dieser Gabe bewusst zu werden, sich der Heilkraft Gottes, die immer da ist , zu öffnen, sich in seinem ich zurückzunehmen im Sinne  „Dein Wille geschehe", damit diese Kraft ungehindert fließen kann. Das Handauflegen ist ein Übungsweg.

Jedes Jahr finden zwei Einführungen in die Praxis des Handauflegens statt. Anschließend haben die Teilnehmenden die Möglichkeit, in Übungsgruppen regelmäßig miteinander zu üben und ihre Erfahrungen auszutauschen  und -  darüber hinaus -  an Vertiefungsseminaren teilzunehmen.

Lesen Sie dazu auch den „Brückle"-Artikel handauflegen handauflegen

Handauflegen - leibhaftige Seelsorge und gottesdienstliches Handeln

Ein Beitrag von Pfarrerin Christiane Quincke

1. Handauflegen - warum?

In der kirchlichen Praxis ist das Handauflegen vor allem als Segensgeste bekannt. Ich lege den Konfirmanden die Hände auf den Kopf, um sie zu segnen. Ich berühre die Stirn des Täuflings mit den Fingern, um ihm mit dem Kreuzzeichen zu bezeichnen. Ich lege die Hand auf die Stirn und auf die Schultern einer sterbenden Frau. Alles liturgische Handlungen. Es gibt aber schon seit alters her auch das „intuitive“ Handauflegen: Wenn ich Zahnweh habe, lege ich mir die Hand auf die Wange. Fällt mein Kind hin und tut sich weh, nehme ich es in die Arme und halte meine Hand über die schmerzende Stelle. Habe ich Bauchweh, fasse ich mir fast automatisch zum Bauch. Das Handauflegen birgt eine heilende Kraft in sich, die in Segenshandlungen wie im Alltag zum Ausdruck kommt.

 

So hat auch Jesus anderen Menschen wie selbstverständlich die Hände aufgelegt, segnend - aber auch heilend. „Und als die Sonne untergegangen war, brachten alle ihre Kranken mit mancherlei Leiden zu ihm. Und er legte die Hände auf einen jeden und machte sie gesund.“ (Lukas 4,40) Zum Teil beschreiben die Evangelien sogar genau, wie er die Hände auflegte: Er heilte einen Taubstummen, indem er seine Finger in dessen Ohren legte und seine Zunge berührte (Markus 7,31ff), einen Blinden, indem er die Hände auf dessen Augen legte (Markus 8,22ff) und eine gekrümmte Frau, indem er seine Hände auf ihren Rücken legte (Lukas 13,10ff). Die Heilung gehört zum Kern der Botschaft Jesu vom Reich Gottes (vgl. Lukas 4,16ff). Predigen und Heilen gehören für Jesus untrennbar zusammen. Heil und Heilung bilden eine Einheit, denn die messianische Hoffnung beinhaltet, dass alles, was dem Heil-Sein im Wege steht, beseitigt wird: die Mächte der Bosheit (zu denen auch die Krankheit gehört) wie politische Mächte. Sündenvergebung und Heilung hängen insofern zusammen, als Schuld jegliche Genesung verhindern kann. Umgekehrt verneinte Jesus aber einen möglichen Tun-Ergehen-Zusammenhang zwischen Sünde und Krankheit (Johannes 9,2f).

            Heilung wird von Jesus immer ganzheitlich verstanden: Körper, Seele und Geist sind gleichermaßen von der Gottesherrschaft betroffen. Und sie ist darum nicht gleich zu setzen mit Gesundwerden. Heilung geschieht, indem ein Mensch wieder eins ist mit Gott und seinen Frieden findet. So kann Heilung auch bedeuten, sich mit einem Leid, einem Gebrechen auszusöhnen, ja, selbst den Tod anzunehmen.

            Entscheidend ist aber: nicht der Handauflegende selber heilt, sondern durch ihn Gott selbst. Heilende Wirkung ist - wie beim Segnen auch - in erster Linie kein Verdienst des Empfängers noch eine besondere Begabung des Heilenden, sondern ausschließlich das Wirken des Geistes Gottes.

 

2. Handauflegen als Aufgabe der Gemeinde

Die Aussendung der 72, also eines größeren Kreises der 12 Jünger (Lukas 10,1-12) beinhaltet nicht nur den Auftrag zu predigen, sondern auch zu heilen. Das Reich Gottes soll den Menschen in der helfenden, befreienden Tat und im verkündigenden Wort nahe kommen. Auch in der Apostelgeschichte hält die Gemeinde am doppelten Auftrag fest (vgl. Apg 4,29-31). Dass gerade das Handauflegen urchristliche Praxis war, zeigt der Jakobusbrief: Hier wird die heilende Kraft des Gebets vorausgesetzt und die Ältesten zu den Kranken gerufen (Jakobus 5,13-15). Diese sollen „über dem Kranken beten“ und ihn salben. Origines ergänzte zu dieser Stelle: „dass sie die Hände auf ihn legen - das wird dem Kranken helfen“. Heilungsberichte sind uns überliefert von den Kirchenvätern Irenäus, Cyprian, Tertullian, Antonius u.a.

            Im 4. Jahrhundert wurden Heilungen seltener, in Sorge darüber, dass auch lasterhafte Menschen durch Gebet heilten. Im Mittelalter hörten Heilungen auf, eine weit verbreitete Praxis der Gemeinden zu sein. Das Gebet für die Kranken wurde in zunehmenden Maße als Sache der Priester verstanden. Aber selbst von Martin Luther gibt es ein Zeugnis zum Handauflegen: 1545 schrieb er an Pfarrer Severin Schulze, wie er für einen seelisch Kranken gemäß Jak 5,14-16 unter Handauflegung beten könne und zwar zusammen mit dem Kaplan und zwei oder drei Gemeindeältesten.

 

Die Kirchen haben das heilende Handauflegen, das einst zu ihren Grundaufgaben gehört, anderen Gruppierungen überlassen. Heute wird es stark praktiziert in esoterischen und in charismatischen Kreisen. Zum Teil findet dort aber eine erhebliche Instrumentalisierung der Kranken statt, sei es, dass unter großen Versprechungen viel Geld verdient wird, oder die Heilung von besonderen Leistungen des Kranken (Glaube als Bedingung) abhängig gemacht wird. Es ist darum an der Zeit, dass die etablierten Kirchen ihren Heilungsauftrag wieder neu entdecken, und dies nicht nur ihren therapeutischen Institutionen überlassen, sondern auch in den Gemeinden neu beleben. Die anglikanische Kirche ist da schon weiter.

 

3. Wie ist es in der Markdorfer Kirchengemeinde entstanden?

Schon seit Jahren finden in Markdorf 3-4 mal jährlich Segnungs- und Salbungsgottesdienste im Rahmen des normalen Sonntagsgottesdienstes statt. Impulse dazu kamen vom damaligen Gemeindepfarrer Peter Widdes sowie durch Vorträge und Seminare, zu denen Walter Hollenweger eingeladen wurde. Diese Gottesdienste haben aus meiner Sicht in der Gemeinde den Boden für die Praxis des Handauflegens bereitet.

            Walter Hollenweger war es auch, der 1992 die Prädikantin und Kirchengemeinderätin Ursula Krimmel während eines zweiwöchigen Bibelseminars dazu ermutigte, die heilende Kraft des Handauflegens zu erleben. Weitere Erlebnisse in Albanien, Wien und bei einem Bibliodrama (1996) brachten sie dazu, sich mehr und mehr mit dem Handauflegen zu beschäftigen. In der Gemeinde wurde sie von einer Frau nahezu „genötigt“, ihrem todkranken Mann die Hände aufzulegen. Ursula Krimmel wollte zunächst nicht, und der Kranke selber stimmte auch nur seiner Frau zuliebe zu. Doch diese Erfahrung war einschneidend: der Kranke, der verbittert angesichts hoffnungslosen Zustandes, war schmerzfrei, konnte wieder schlafen und starb 2 Wochen später - nach täglicher Behandlung - gelöst und in Frieden. Weitere Begegnungen kamen hinzu, Nachbarn, die davon gehört hatten, Gemeindeglieder, Menschen aus dem Dorf. Aber alles geschah im Verborgenen.

            Gestärkt wurde Ursula Krimmel durch die Übung der Kontemplation, die ihr half, sich ganz der Kraft Gottes zu öffnen und sie geschehen zu lassen. Außerdem lernte sie Anne Höfler („Leg mir die Hand auf“) kennen, die ihr klar machte, dass das Handauflegen keine exklusive Gabe ist, sondern in jedem Menschen angelegt ist. Sie ermutigte sie, Einführungskurse anzubieten. Nun wollte Ursula Krimmel nicht mehr im Verborgenen tätig sein und wissen, ob ihre Gemeinde hinter ihr steht.

            2003 wurde das erste Mal ein Einführungskurs angeboten. Sie war zuvor zu mir als Gemeindepfarrerin mit ihrem Anliegen gekommen. Ich teilte ihre Auffassung, dass das heilendes Handeln Aufgabe der Gemeinde sei und erst recht, dass dies nun öffentlich geschehen sollte. Wir veranstalteten einen Abend im Besuchsdienst und nahmen den Handauflegen-Kurs als festen Bestandteil im Programm des Christlichen Bildungswerks auf. Dies ermöglichte uns, zunächst erste Erfahrungen zu sammeln, bevor der Kirchengemeinderat sich damit befasste.

            Nach ausführlichen und kontroversen Diskussionen beschloss der Kirchengemeinderat schließlich offiziell, dass das Handauflegen Bestandteil der Gemeindearbeit sei. Dies ermöglichte es uns, jede Woche einmal das Gemeindehaus zur Verfügung zu stellen, damit Kranke und Erschöpfte sich die Hände auflegen lassen können und ausführlich im Gemeindebrief darüber zu berichten. Auch die katholische Schwestergemeinde unterstützt das Anliegen und stellt Räume zur Verfügung. Damit ist das Ganze ein ökumenisches Projekt, das immer mehr Kreise zieht. Eine faszinierende Entwicklung, wie leibhaftige Seelsorge und gottesdienstliches Handeln im Alltag zusammenkommen!

 

  1. 4.  Was gilt es zu beachten?

 

Im Folgenden soll benannt werden, was zu berücksichtigen ist, wenn das Handauflegen in christlicher Tradition innerhalb einer Kirchengemeinde praktiziert werden soll:

 

a)  Der Kirchengemeinderat/Ältestenkreis muss das Handauflegen als Gemeindeaktivität mittragen.

b)  Die Haupt-Verantwortlichen müssen dem Kirchengemeinderat klar benannt und bekannt sein.

c)  Das Handauflegen geschieht auf biblisch-christlicher Grundlage.

d)  Die Haltung der Demut ist Voraussetzung und muss ständig geübt werden.

e)  Die Verantwortlichen sorgen dafür, dass nur Menschen „praktizieren“, die in der Haltung der Demut geübt sind.

f)   Es finden regelmäßig Übungen statt.

g)  Es findet regelmäßig ein gegenseitiger Austausch der Praktizierenden statt.

h) Es werden keine Versprechungen der Heilung oder Besserung gemacht.

i)   Es werden keinerlei Diagnosen gestellt.

j)    Es wird niemand bedrängt, sich die Hände auflegen zu lassen.

k)  Es wird nicht gegen die Schulmedizin oder andere Therapieverfahren gearbeitet oder geredet.

l)   Es gibt keine spirituelle Überheblichkeit.

m)Kinder werden nur mit Erlaubnis der Erziehungsberechtigten behandelt.

n) Es geschieht nichts heimlich oder im Verborgenen.

  • o)  Es gibt einen geschützten Raum und es herrscht Verschwiegenheitspflicht.

 

  1. 5.  Wie geschieht gemeindliches Handauflegen konkret?

Das Handauflegen hat einen liturgischen Rahmen. Die handauflegende Person fragt zunächst den/die Heilsuchende, ob sie ihn/sie berühren darf (auch ohne jede Berührung kann eine Behandlung wirksam sein) . weitere Wünsche können geäußert werden. Dann spricht der/die Handauflegende ein Gebet z.B. Ps 103: „Lob den Herrn, meine Seele, und was in mir ist seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat - der dir alle deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen.“

Oder ein Gebet von Anne Höfler: „Möge Gottes heilende Kraft durch uns fließen, uns reinigen, stärken und heilen, uns erfüllen mit Liebe, heilender Wärme und Licht, uns schützen und fürhen auf unserem Weg. Wir danken (dir) dafür, dass dieses geschieht.“

Anschließend werden für ca. 45 Minuten die Hände aufgelegt. Eine Ganzbehandlung im Liegen, manchmal auch im Sitzen wird durchgeführt. In den Behandlungsablauf werden schwerpunktmäßig die Wünsche der Heilsuchenden aufgenommen (z.B. schmerzende Stellen oder kranke Organe). Bei alledem ist die Haltung der Demut unabdingbar: also das Wissen um die eigenen Grenzen, das  Nichtwollen, das: „ich stelle mich ganz zur Verfügung“ - nicht ich, sondern Gott wirkt. Zum Abschluss wird darum auch wieder ein Segenswort gesprochen.

 

Für alle Menschen aus Markdorf und Umgebung gibt es die Möglichkeit, sich jeden Montag im evangelischen Gemeindehaus die Hände auflegen zu lassen. „Ob gesund oder krank oder erschöpft - jeder hat die Möglichkeit, die tiefgreifende, heilsame Wirkung des Handauflegens zu erfahren“ - so heißt es im wöchentlich erscheinenden Text. Wer das für sich erfahren möchte, muss sich einen Termin geben lassen. Schwerkranke Menschen, die nicht mehr kommen können, werden zu Hause besucht. Nicht selten wird das Handauflegen auch zur Sterbebegleitung.

 

Ohne Einführung und Übung geht das natürlich nicht. Darum bieten wir über das Christliche Bildungswerk zweimal jährlich einen Einführungskurs an (Freitag abend, ganzer Samstag). Die Teilnehmenden haben dann zweimal monatlich die Gelegenheit, sich zu treffen: sich gegenseitig die Hände aufzulegen, ihre Erfahrungen auszutauschen und Fragen zu stellen. Darüberhinaus haben sie die Möglichkeit einmal im Jahr an einem Vertiefungsseminar teilzunehmen. In Markdorf praktizieren etwa 40 Menschen das Handauflegen, die meisten innerhalb der Familie und Nachbarschaft. Einige von ihnen nehmen teil an einer intensiven Fortbildung: 7 verlängerte Wochenenden über das Jahr verteilt. Außer diesen Angeboten finden zweimal im Jahr Einführungen in das Gebet des Schweigens (Kontemplation) statt, als Einübung in die innere Haltung der Demut und des Geschehenlassens.

 

6. Resumee

Das Handauflegen hat seinen festen Platz in unserer Gemeinde gefunden, auch wenn es immer noch von vielen kritisch beäugt wird. Aus meiner Sicht ist es aber nur die Konsequenz aus dem liturgischen Handeln: wer dem Segen eine Wirkung zumisst, kann sie dem Handauflegen nicht versagen. Und so wie ich als Liturgin lerne, welche Segenshaltung förderlich und welche es eher nicht ist, so lerne ich auch beim Handauflegen, welche Haltung förderlich ist und welche nicht. Dabei geht es nicht um Techniken - gerade nicht -, aber sehr wohl um das Nutzen von althergebrachten Erkenntnissen. Mit dem Handauflegen bekommt unsere Seelsorge eine wahrlich leibhaftige Dimension, die auch meinen Besuchen bei Kranken und Sterbenden zugute kommt. Zudem erfahren Menschen die Kirche als Raum des Heils, auch des körperlichen, aber vor allem des seelischen Heilwerdens. Die Reaktionen der Menschen, die sich haben die Hände auflegen lassen, sprechen für sich - vor allem sind sie froh, dass sie dies endlich im Rahmen der Kirche erfahren können. Denn hier sind sie sicher, dass es ganz im Sinne Jesu und seiner Botschaft geschieht: „Heilt die Kranken und sagt ihnen: das Himmelreich ist ganz nahe zu euch gekommen!“ (Lukas 10,9)

 

 

Literatur:

- Walter Hollenweger, Geist und Materie, Interkulturelle Theologie 3, München 1988

- Wolfgang J.Bittner, Heilung - Zeichen der der Herrschaft Gottes, 4.Aufl. 2007

-  Anne Höfler, Leg mir die Hand auf: Praktische Anleitung zur Behandlung von Kindern mit chronischen Erkrankungen, 2001ÍÍ

 

Christiane Quincke, Pfarrerin, Markdorf

Marienstr. 3

88677 Markdorf

christianequincke[at]web[dot]de